REVISE NRW
Virale Infektionen stellen eine große Gefahr für die Gesundheit dar. Die SARS‑CoV‑2‑Pandemie hat eindrucksvoll gezeigt, wie gravierend die Folgen einer Atemwegskrankheit für Menschen und Gesellschaft sein können.
Im Rahmen der Forschungsstudie REVISE NRW wollen wir in Nordrhein‑Westfalen die genetische Vielfalt von saisonalen Atemwegsviren – also von Influenzaviren, dem humanen Respiratorischen Synzytial‑Virus (RSV) und von Coronaviren – genauer untersuchen. Gleichzeitig soll geklärt werden, welche medizinischen, biologischen und epidemiologischen Auswirkungen neue Virusvarianten haben.
Das übergeordnete Ziel ist, bereits in einer frühen Phase wichtige Daten zur Immunologie und Virologie der gerade zirkulierenden Varianten zu sammeln. Auf dieser Basis sollen belastbare Vorhersagen zum weiteren Verlauf der saisonalen Infektionen möglich werden und – falls nötig – frühzeitig evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen empfohlen werden.
Während der SARS‑CoV‑2‑Pandemie wurden in den letzten Jahren umfangreiche Mittel bereitgestellt, sodass in kurzer Zeit viel Wissen zu epidemiologischen, immunologischen, virologischen und klinischen Fragen gewonnen wurde. Trotz dieses Fortschritts bleibt unser Verständnis anderer respiratorischer Viren – die ebenfalls pandemisches Potenzial oder saisonale Belastungen verursachen können – deutlich hinter dem von SARS‑CoV‑2 zurück. Besonders wichtige Informationen zu regionaler Epidemiologie und Immunität fehlen, weil internationale Studienergebnisse nicht einfach auf das lokale Geschehen in NRW übertragbar sind.
Die Universitätsmedizin in NRW (Bonn, Düsseldorf, Köln, Essen und Münster) verfügt über Virologie‑Institute, die als zentrale Anlaufstelle für Patient*innen mit Atemwegsinfektionen dienen. Ein hoher Anteil dieser Patient*innen gehört zu Risikogruppen, bei denen die Erkrankung besonders schwer verlaufen kann – sie sind daher besonders wichtig für die Erhebung von Immunitätsdaten.
In diesem Projekt arbeiten unsere fünf virologischen Institute der Universitätskliniken in NRW zusammen. Jeder Standort sammelt Proben von Patient*innen mit respiratorischen Virusinfektionen. Durch die gemeinsame Rekrutierung entstehen im Zeitverlauf größere und vergleichbare Datensätze, die mit einer monozentrischen Studie nicht zu erreichen wären.
Mit den gewonnenen Proben und Daten wollen wir zwei zentrale Fragen beantworten:
1. Wie entstehen und verbreiten sich neue Virusvarianten?– Wir untersuchen die Selektionsmechanismen und die Gründe, warum bestimmte Varianten dominanter werden.
2. Wie beeinflusst die Virusevolution den klinischen Verlauf von Atemwegsinfektionen? – Wir bestimmen die Immunität der Patient*innen – sowohl individuell als auch in definierten Kohorten – und leiten daraus präventive und therapeutische Maßnahmen ab.
Dabei liegt der Schwerpunkt nicht nur auf der angeborenen (unspezifischen) Immunabwehr, sondern besonders auf der Bildung von antiviralen Antikörpern und der T‑Zell‑vermittelten Immunität. Diese Aspekte werden aktuell sehr relevant, weil neue Impfstoffe gegen RSV zugelassen sind, ein monoklonaler Antikörper für die Präexpositions‑Prophylaxe verfügbar ist, angepasste Varianten‑Impfstoffe gegen SARS‑CoV‑2 entwickelt wurden und RNA‑Impfstoffe gegen die saisonale Grippe in der Pipeline stehen.
Durch REVISE NRW schaffen wir somit die Grundlagen, um die Auswahl und Verbreitung von Virusvarianten besser zu verstehen, die Immunität der Bevölkerung zu messen und rechtzeitig wirksame Präventions‑ sowie Therapie‑Strategien für respiratorische Viren zu entwickeln.
Abbildungen erstellt in BioRender. Schupp, A. (2026) BioRender.com/h70rajb